Polen 2025: Schlesien bis zur Schneekoppe

Nach unserer Reise an die polnische Ostseeküste im Jahr 2015 stand fest, dass wir dieses Land weiter erkunden wollen. Den entscheidenden Impuls gibt jedoch der Fund in der Familie: Das Fotoalbum unseres Vaters mit Notizen über die Zeit während des Krieges mit einem Lazarettaufenthalt 1943–1944 im damaligen Schlesien.

Kurz darauf gibt uns unsere Cousine Bärbel ein weiteres Fotoalbum: Onkel Werners Besuch mit Mutti vom 25. Juni bis zum 6. Juli 1943 bei Vati in Schlesien. Onkel Werner hat während der Zeit die Gegend erkundet!

Mit diesen beiden Alben machten wir uns auf den Weg – nicht nur nach Polen, sondern auch auf die Spuren familiärer Geschichte.

31.08.2025

Nach der Weinlese auf dem Balkon, geht es über A45, A5 und A4 nach Bad Berka südlich von Weimar. Der Ort entwickelte sich Anfang des 19. Jahrhunderts zu einem Kurort. 1813 ließ Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach hier ein Schwefelbad errichten, das im Juni desselben Jahres eröffnet wurde. Die mineralhaltigen Quellen galten als medizinisch fortschrittlich. Johann Wolfgang von Goethe begleitete die Entwicklung beratend und hielt sich 1814 mehrere Wochen zur Kur in Berka auf, aber … das war nochmal 70 Jahre früher.

Ein kurzer Rundgang durch den Kurpark und das ruhige Städtchen markiert den Auftakt unserer Reise.

01.09.2025

300 Kilometer weiter erreichen wir Görlitz. Die Stadt verfügt über rund 4.000 denkmalgeschützte Gebäude aus Gotik, Renaissance, Barock und Gründerzeit. Da sie im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde, besitzt sie eines der geschlossensten historischen Stadtbilder Deutschlands. Seit den 1990er Jahren dient Görlitz regelmäßig als Filmkulisse. Produktionen wie The Grand Budapest Hotel (2014), Inglourious Basterds (2009), The Monuments Men (2014), Der Vorleser (2008), Die Bücherdiebin (2013) oder die Krimireihe Wolfsland nutzten die authentische Architektur. Der Beiname „Görliwood“ verweist auf diese Entwicklung.

Bei einer Stadtrundfahrt mit dem Cabrio-Bus erhalten wir einen Überblick und viele Informationen. Eine Station ist die 1869 gegründete Landskron-Brauerei. Für die Produktion „In 80 Tagen um die Welt“ (2004) wurde sie filmisch zum Hafen von New York umgestaltet; auch andere Filme nutzten das historische Sudhaus als wandelbare Kulisse. Mit der Straßenbahn geht es zurück zum Stellplatz.

02.09.2025

Regen bestimmt den Vormittag. Erst nach dem Mittagessen fahren wir erneut in die Stadt. Unser Weg führt zunächst zur Görlitzer Synagoge. Sie wurde 1911 im Jugendstil erbaut und überstand die Pogromnacht vom 9. November 1938 weitgehend unzerstört. Nach jahrzehntelangem Verfall wurde sie restauriert und 2021 als Kulturforum wiedereröffnet. Eine Besichtigung ist an diesem Tag jedoch nicht möglich.

Durch den Stadtpark gelangen wir zur Neiße. Seit dem Potsdamer Abkommen von 1945 bildet der Fluss die deutsch-polnische Grenze. Der östliche Teil der Stadt wurde als Zgorzelec eigenständig polnisch. Wir wechseln auf die polnische Seite und kehren anschließend über die Fußgängerbrücken zurück zur Stadtkirche St. Peter und Paul. Der heutige spätgotische Bau stammt im Wesentlichen aus dem 15. Jahrhundert.

Zum Abschluss steigen wir auf den Reichenbacher Turm, der 1376 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Bis 1910 versah dort ein Türmer seinen Dienst.

03.09.2025

Über die Neiße erreichen wir Greifenberg in Schlesien, heute Gryfów Śląski. Die Stadt wurde im 13. Jahrhundert gegründet. Sie gehörte zunächst zum Herzogtum Schweidnitz-Jauer, später zur böhmischen Krone und ab 1742 zu Preußen. Nach 1945 wurde sie polnisch. Das damalige Wirtshaus, in dem Mutti und Onkel Werner übernachteten, steht noch.

Oberhalb der Stadt liegt die Burg Greifenstein, vermutlich um 1300 errichtet und im 16. Jahrhundert ausgebaut. Wegen laufender Renovierungsarbeiten ist sie nicht zugänglich, ebenso wenig das benachbarte Schloss.

Das frühere „Sanatorium Birkenhof“, in dem Vati lange Zeit war, dient noch heute als Krankenhaus. Nach einer zunächst falschen Adressangabe von ChatGPT, finden wir mithilfe des örtlichen Touristenbüros den richtigen Standort.

Nachmittags fahren wir weiter ins Isergebirge und übernachteten auf einem Hochplateau oberhalb von Kotlina mit weitem Blick über die Landschaft. Das Dorf Kotlina entstand im 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Zinn- und Kobaltabbau im Isergebirge. Wir werden mit einem tollen Sonnenuntergang belont.

04.09.2025

Ein Spaziergang führte uns morgens zur Ruine der ehemaligen Kesselschlossbaude sowie zum Aussichtspunkt Skałki Zakochanych – den sogenannten Felsen der Liebenden. Ganz in der Nähe unseres Übernachtungsplatzes steht Holender, die Ruine einer holländischen Windmühle.

Weiter geht es nach Bad Flinsberg / Świeradów-Zdrój auf einen Campingplatz. Mit der Gondelbahn fahren wir hinauf zur Heufuderbaude (Stóg Izerski) und geniessen den weiten Blick über das Isergebirge und … Piroggen mit Quarkfüllung und Gulaschsuppe. Dann folgt der extrem steile Abstieg über rund 500 Höhenmeter zurück zum Camping.

05.09.2025

Morgens fahren wir in den historischen Kurort. Bad Flinsbergt entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert aufgrund seiner Mineralquellen und Moorvorkommen. Viele restaurierte Gebäude aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert prägen das Ortsbild. Die hölzerne Wandelhalle Hala Spacerowa wurde 1899 zusammen mit dem Kurhaus eröffnet. Mit 80 Metern Länge gilt sie als längste hölzerne Wandelhalle Niederschlesiens. Abends fahren wir wieder auf „unser Hochplateau“.

06.09.2025

Nach einer regnerischen Nacht gehts nach Karpacz im Riesengebirge. Der Ort entwickelte sich im 19. Jahrhundert vom Bergdorf zum Kur- und Wintersportzentrum. Wegen Parkplatzproblemen und starkem Besucherandrang, verschieben wir zunächst den Besuch der Stabkirche Wang und suchen uns einen Stellplatz hinter einer Pizzeria im Ort. In einer Regenpause spazierten wir durch die touristisch geprägte Ortsmitte.

07.09.2025

Frühmorgens bricht unser Nachbar mit Fahrrad und Startnummer auf. Wir erreichen mit der Seilbahn die Station auf 1.377m und steigen von dort zur Schneekoppe (1.603 m), dem höchsten Gipfel des Riesengebirges, auf. Die Schneekoppe bildet seit Jahrhunderten die Grenzregion zwischen Schlesien und Böhmen. Wir wählen den steilen Weg zum Gipfel. Zeitgleich findet ein Radrennen statt. Die Radler sind im Tal gestartet und haben die Sesselbahn nicht benutzt. Respekt! Hier oben teilen sich Wanderer und Radler den Weg. Auf dem Gipfel legen wir eine Pause auf der tschechischen Seite ein – aus der Tschechei kommt eine Gondelbahn bis zum Gipfel – und geniessen, trotz zunehmender Bewölkung, die weiten Ausblicke auf beide Seiten des Gebirges. Abends fahren wir auf einen Stellplatz in der Nähe der Kirche Wang.

08.09.2025

Wir können die Stabkirche Wang fussläufig erreichen. Sie wurde ursprünglich um 1200 im norwegischen Vang errichtet und 1842 auf Initiative von König Friedrich Wilhelm IV. nach Krummhübel umgesetzt. Nach der Besichtigung fahren wir nach Jelenia Góra / Hirschberg. Die Stadt entwickelte sich im 13. Jahrhundert als Handelszentrum am Rand des Riesengebirges. Ein Spaziergang führt uns zum Rathausplatz mit historischen Bürgerhäusern.