Kirgisien 2004: Die Feier

11:30 Bei unserer Ankunft herrscht in Hof und Küche hektische Geschäftigkeit. In der „guten Stube“ sind Sitzdecken um die mit Süßigkeiten gedeckte „Tafel“ – für Unbedarfte, wir essen auf dem Fußboden – ausgerollt. In der Küche werden frisch vermählte Freunde des Brautpaars, bewirtet. Die junge Frau trägt ihr traditionelles Brautkleid und ihr Gesicht ist hell, man könnte auch sagen weiß, geschminkt.

Langsam treffen nun die Gäste, mehrheitlich Frauen, ein. Die Frauen besichtigen erst einmal die Wohnräume des jungen Paars. Die Männer wandern in die gute Stube und werden dort, so berichtet Dirk hinterher, mit Suppe bewirtet. Kurz vor Beendigung der Besichtigungstour wechselt die Männergesellschaft ins Wohnzimmer der Jungvermählten. Helene und ich fühlen uns irgendwie fehl am Platz und flüchten, nach einem Sonnenbad im Hof, zu Ayscha in die Küche. Dort, wie könnte es anders sein, bekommen wir sofort eine Tasse Suppe vorgesetzt, leider, wie immer lecker aber sehr fett. Die Damengesellschaft wechselt in die gute Stube an die Festtafel und natürlich werden wir dazu gebeten. Während des Essens herrscht strickte Geschlechtertrennung.

Wie üblich, die Eröffnung der Mahlzeit mit Süßigkeiten, Kuchen, Plätzchen, Torten und Obst. Danach gibt es Suppe, später Gemüsereis mit Rindfleisch, das erst am Tisch in stäbchengerechte Stücke geteilt wird, danach div. Gemüse-, Fleisch- Geflügel- und Fischgerichte. Zusammen mit dem Hauptgang werden auch die Süßspeisen wie süßer Reis mit Rosinen – leider nicht in Milch sondern in Wasser gekocht -, süße gefüllte Pfannekuchen, unser Pudding und mehr gereicht. Um dem Gebot der Gastfreundschaft zu genügen kommen 40 Gerichte auf den Tisch. In Erstaunen versetzt mich die Sitte, dass jeder, Gäste wie Gastgeber, seinem Nachbarn oder Gegenüber ungefragt Speisen auf den Teller legt. So bin ich angestrengt damit beschäftigt mit den für mich noch etwas ungewohnten Stäbchen zu essen und gleichzeitig meinen Teller außer Reichweite meiner spendabelen Tischnachbarn zu halten. Und dann sehe ich, dass Speisen, die man nicht essen will, einfach auf die Tafel zurück gelegt werden können. Wirklich schlimm finde ich, dass sich einige Anwesende den Teller hoch voll laden und später vieles ungetestet auf dem Teller lassen. Helene und ich halten das für eine sehr komische Sitte, denn die Reste können später nur noch weggeworfen werden. Aber, andere Länder andere Sitten.

Zwischen allen Gängen: Erholungspausen. Blattsalate, wie wir ihn kennen, stehen nicht auf dem Speiseplan. Auch das Angebot von Süßspeisen zusammen mit Fleischspeisen verwundert uns. Am Tisch herrscht die typische Geschwätzigkeit. Helene muss viele Fragen zum Leben in Deutschland und auch gezielte Fragen nach der Stellung der Frauen beantworten. Rosa’s Mutter lädt uns zum Essen ein. Helenes Erklärung, dass wir erst einmal mit unseren Männern sprechen müssen, überrascht die Damengesellschaft. Zwischendurch verteilt Rosa an alle Anwesenden Geldscheine, wir vermuten, dass es sich um eine weitere Tradition handelt und das Geld vielleicht als Wegzehrung für den „beschwerlichen“ Heimweg dienen soll.

Interessant, die Hauptperson Rosa, saß – kniete – hockte – nicht etwa mit an der Tafel sondern bediente zusammen mit den Schwägerinnen und der Schwiegermutter die Gäste. Rosa ist traditionell gekleidet, sie trägt eine rote Pluderhose mit gestickter Bordüre am Saum und ein farblich passendes rotes Überkleid. Ins Haar sind zwei lange künstliche Zöpfe, die bis zum Po reichten, eingeflochten, die mit silbernem Zierrat verbunden sind und beim Gehen lustig klingeln. Über dem Zierrat befinden sich eine rote – symbolisch für die Frau – und eine grüne – symbolisch für den Mann – Schleife. Uns wir erklärt, dass peinlich darauf geachtet werden muss, dass die rote niemals über der grünen Schleife liegt. Rosa hat wieder reichlich Schmuck angelegt und trägt auf dem Kopf ein ebenfalls rotes reich verziertes Kopftuch, das fast wie eine Kappe gebunden und auch mit Goldschmuck verziert ist. Sie sieht wirklich hübsch aus. Nach dem Festmahl folgt ein abrupter Aufbruch der ganzen Gesellschaft. Hastig werden für die daheimgebliebenen Ehemänner von den üppigen Restspeisen Pakete gepackt. Auch hier verwundert mich, dass  wahllos alle Speisen in einer Tüte verpackt werden, also Fisch zu Fleisch  undSüßes zu Pikantem. Nun ja, im Magen kommt ja sowieso alles wieder zusammen ☺. So, nun hat der letzte Gast das Haus verlassen und endlich kann sich das Küchenteam und der Rest der Familie ausruhen. Gemeinsam wird nun in der guten Stube in Ruhe gegessen. Aber, hat man in aller Hektik Rosa ganz vergessen? Sie ist, jetzt in normalen Zeug, immer noch da. Schnell werden wir aufgeklärt, dass Rosa gerne bis zu unserer Abreise – welch ein Kompliment an uns Gäste – im Haus bleiben möchte und erst dann für die besagten 10 Tage ins Elternhaus zurückkehrt.

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